Wenn Reto erzählt, wirkt er ruhig und reflektiert. Seine Geschichte schildert er folgendermassen:

«Ich bin sehr sensibel und feinfühlig. Das habe ich wohl von meiner Mutter. Vielleicht hat mich deswegen der Tod meines Vaters auch so mitgenommen. Als er vor 13 Jahren an Krebs gestorben ist, lebte ich noch Daheim. Meine Schwester war schon lange ausgezogen und meine Mutter wollte das Haus verkaufen. Als das klar war, wusste ich, dass ich mir eine eigene Wohnung suchen musste.

Zu der Zeit habe ich bei der Kläranlage Bülach gearbeitet. Man hat so seine Vorurteile über diese Arbeit – es stinkt und ist grusig. Aber wir waren ein super Team mit sieben Personen. Deshalb hat es mir viel Spass gemacht.

Ich war von 1998 bis 2011 dort. Doch dann gab es viele Personalwechsel. Und das ist etwas, was ich ganz schwer verkrafte, wenn es zu viele Wechsel gibt. Da haben auch die Panikattacken wieder angefangen.

Von Angst übermannt

Neuer Mut durch Gemeinschaft

Als ich wieder zurück in der Wohnung war, hat mein Nachbar bemerkt, wie schlecht es mir geht. Er ist zu mir gekommen mit den Unterlagen vom Hertihus. Ich habe sie durchgelesen und sofort gewusst „da will ich hin, dort geht es mir besser“. Ich konnte einfach nicht mehr allein in der Wohnung leben.

Seit über zwei Jahren wohne ich nun im Hertihus der Heilsarmee. Ich schätze besonders den Kontakt und die Arbeit. Das gibt mir Selbstvertrauen und Wertschätzung. Angefangen habe ich mit einfachen Reinigungsarbeiten im Hauswartbereich. Mehr habe ich mir zuerst gar nicht zugetraut.

Aber im Sommer hatten wir dann einen Glace-Verkauf, bei dem ich mitgeholfen habe. Inzwischen bediene ich auch Kunden im hauseigenen Laden. Ich kann nun meine Angst überwinden und schöpfe viel Selbstvertrauen daraus.

Das Hertihus - ein Heim mit viel Freiraum

Das Team hier ist grossartig – fast wie eine Grossfamilie. Man sieht die Leute nicht als Heimbewohner, sondern als eigenständige Persönlichkeiten. Wir haben viele Freiheiten und können so viel wie wir uns zutrauen selbst machen. Aber im Notfall ist auch rund um die Uhr jemand da, an den man sich wenden kann.

Seit ich hier bin, habe ich meine Medikamente stark reduzieren können. Ich möchte aber noch einige Zeit bleiben. In anderen Institutionen ist es so, dass man z.B. nach sieben Jahren gehen muss. Das ist das Schöne, dass ich hier keinen Druck habe und unterstützt werde.

Ich mache kleine Fortschritte – eben in meinem Tempo. Neulich habe ich meine Schwester im Kanton Bern besucht. Das ist für mich ein grosser Schritt in Richtung Selbstständigkeit.»

Heilsarmee Hertihus – kein typisches Wohnheim

Seit 2016 gehört das Hertihus in Bülach ZH zur Heilsarmee. Hier leben 23 Männer und Frauen, die ihren Haushalt nicht mehr selbständig führen können. Das Wohnheim bietet ihnen einen geregelten Tages- ablauf und Gemeinschaft. Die Bewohner sind zwischen 18 und 75 Jahre alt. Sie erfahren, wie sie ihre Fähigkeiten erhalten und auch weiterentwickeln können. Eine Tätigkeit im hauseigenen Laden oder im Atelier unterstützt sie dabei.