Heilsarmee: Herr Dr. Hämmig, wann gilt jemand als einsam?

Hämmig: Primär ist Einsamkeit im Verständnis der Menschen etwas, wovon jeder eine eigene Vorstellung hat. Grundsätzlich ist jemand einsam, wenn er oder sie sich einsam fühlt. Einsamkeit hat immer eine subjektive und eine objektive Dimension. Die subjektive Dimension ist die eigene Wahrnehmung. Als Jugendlicher kann man viele Freunde haben und sich dennoch einsam fühlen oder umgekehrt als Rentnerin, Rentner oder hochbetagte Person kann man, da das Netzwerk natürlicherweise ausgedünnt ist, sehr wenige soziale Kontakte pflegen und sich dennoch nicht einsam fühlen.

Wie wird Einsamkeit definiert?

Hämmig: Die Wissenschaft unterscheidet zwischen dem subjektiven Gefühl der Einsamkeit und der objektiven Einsamkeit, also der sozialen Isolation. Diese hängen zusammen sind aber nicht vollständig kongruent. «Objektiv betrachtet kann man sozial isoliert sein und sich dennoch nicht einsam fühlen und umgekehrt.»

Wie misst man Einsamkeit?

Hämmig: Einsamkeit zu messen ist schwer. Bei meiner Forschung habe ich einerseits eine subjektive Dimension erhoben – das Gefühl von Einsamkeit – und andererseits objektive Parameter berücksichtigt. Zu Beispiel wie viele enge Freunde oder Vertrauenspersonen jemand hat und ob Vertrauensbeziehungen vermisst werden. Trifft beides zu – objektive und subjektive Parameter – dann kann man sagen, dass Einsamkeit gemessen oder erfasst wurde.

Studien belegen, dass Einsamkeit krank macht. Ist Einsamkeit also ein gesundheitspolitisches Thema?

Hämmig: Es könnte eines sein, ist es aber nicht. Zumindest taucht es in der Gesundheitspolitik in der Schweiz nicht als Thema auf. Es müsste aber eines sein. Es kann nicht geleugnet werden, dass Einsamkeit negative gesundheitliche Auswirkungen hat. Es ist allerdings auch schwer zu sagen, ob Einsamkeit Folge oder Ursache von Krankheit ist.

Einsamkeit macht definitiv krank. Sie wird oft in Zusammenhang mit älteren Menschen thematisiert und dann wird auch von der psychischen Gesundheit gesprochen. Dies trifft aber genauso Jugendliche, was die gesundheitlichen Folgen anbelangt. Jugendliche sind zwar seltener einsam, aber wenn sie es sind, sind sie gesundheitlich genauso betroffen oder beeinträchtigt durch Einsamkeit.

Dr. Oliver Hämmig, Bereichsleiter bei University of Zürich

Wie wirkt sich soziale Isolation aus?

Hämmig: Abgesehen von den gesundheitlichen Folgen hat Einsamkeit auch soziale Folgen. Es kann eine Spirale in Gang gesetzt werden. Fühlt man sich einsam, vermeidet man vermehrt soziale Kontakte. Anstatt rauszugehen, bleibt man verstärkt zuhause und zieht sich zurück. Dies gilt generell für Menschen mit psychischen Erkrankungen und Problemen, was im Umkehrschluss auch wieder zu Einsamkeit führen kann. Betroffene sind stigmatisiert und ziehen sich zurück. «Einsamkeit kann krank machen, aber psychische und gesundheitliche Probleme können auch einsam machen.

Welches sind die Begleiterscheinungen von Einsamkeit, körperlich und psychisch?

Hämmig: Eine typische Auswirkung ist Bewegungsmangel. Damit verbunden eine höhere Konsumation von elektronischen Medien, wie Fernsehen, Internet etc. Dies führt dann zu den entsprechenden gesundheitlichen Folgen. Psychisch führt Einsamkeit oft zu Depressionen.

Welches sind die Folgen für das Gesundheitswesen?

Hämmig: Das ist sehr schwer abzuschätzen, da dies nur sehr schwer gemessen werden kann. Vermutlich werden die Auswirkungen stark unterschätzt – da es nicht nur eine kleine Gruppe hochbetagter Menschen betrifft, sondern auch junge Menschen, für die soziale Kontakte besonders wichtig sind. Fehlen diese, wird die Einsamkeit besonders stark empfunden und hat möglicherweise Langzeitfolgen für die betroffenen Jugendlichen.

Jugendliche zählen zu dem am stärksten von Einsamkeit betroffenen Gruppen.

Hämmig: Das kann man so nicht sagen. Jugendliche fühlen sich deutlich seltener einsam als Rentnerinnen und Rentner. Überhaupt fühlen sich Jugendliche von allen Altersgruppen am seltensten einsam. Aber diejenigen Jugendlichen, die sich einsam fühlen, sind gesundheitlich stärker betroffen als einsame Menschen in anderen Altersgruppen. Für junge Menschen sind soziale Kontakte sehr wichtig. Diese werden nicht nur sporadisch gepflegt, sondern sehr regelmässig, meist täglich. Jugendliche sind dann stark von Einsamkeit betroffen, wenn sie tatsächlich einsam sind. «Fehlen soziale Kontakte, ist dies für die Psyche Jugendlicher – die sich in einem Selbstfindungsprozess befinden und ihren Platz in der Gesellschaft noch nicht gefunden haben – umso schwerwiegender.»

Welche Rolle spielt die Politik?

Hämmig: Grundsätzlich gilt: nicht nur der einzelne Betroffene ist in der Pflicht. Einsamkeit ist ein gesellschaftliches Phänomen und diesem Sinn auch ein gesundheitspolitisches Problem. Bei einem solchen Thema steht schnell die Ansicht fest: Jeder ist selbst verantwortlich dafür, dass er Freunde oder soziale Kontakte hat, dann muss er einfach raus gehen. Aber so einfach ist es nicht. Auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen beeinflussen, wie viele Menschen sich einsam fühlen. Dies kennen wir von den Hochbetagten in Altersheimen – gerade jetzt mit Corona, welches die Thematik noch verschärft.

Da Sie das Thema gerade ansprechen: welchen Einfluss hat Corona?

Hämmig: Corona hat bestimmt Einfluss. In diesem konkreten Fall betrifft dies jedoch eher ältere Menschen, die bereits allein leben, keinen Partner und Freunde mehr haben. Die staatlich verordnete Isolation wie auch die aus Angst vor dem Virus selbstgewählte Isolation, verstärken die Thematik. Für Jugendliche, die häufig soziale Medien nutzen, hat die Pandemie sicher weniger Einfluss.

Welchen Einfluss hat die Gesellschaft?

Hämmig: Die Gesellschaft ist ganz wichtig. Einsamkeit ist primär ein gesellschaftliches Problem. Auch Veränderungen in der Gesellschaft, wie die zunehmende Urbanisierung, haben Einfluss. In Dorfgemeinschaften vor hundert Jahren oder früher, waren Beziehungen viel enger und Kontakte häufiger als heute in einem städtischen oder vorstädtischen Umfeld.

Hat sich die Qualität der Beziehungen verändert? Sind diese heute oberflächlicher?

Hämmig: Das würde ich so nicht sagen. In jungen Jahren ist die Quantität von Beziehungen wichtiger und in späteren Jahren spielt dann zunehmend die Qualität eine wichtige Rolle. Ich glaube nicht, dass Beziehungen heute lockerer, loser oder weniger eng sind als früher. Die Art und Weise und die Möglichkeiten, wie soziale Kontakte heute gepflegt werden, die haben sich stark verändert. Früher hatte man diese mehr physisch – also Face to Face – heute vermehrt virtuell über Soziale Medien. Das muss aber per se nicht schlechter sein. Das ist sicher auch eine Chance, gerade für «Stubenhocker», die so dennoch Kontakt zur Aussenwelt haben und daran partizipieren können.

Social Media – Chance oder Gefahr?

Hämmig: Ich sehe dies eher als Chance. Es gibt in allen Altersgruppen einen kleinen Anteil an Menschen, die wegen den sozialen Medien Gefahr laufen, keine echten Beziehungen und reale Kontakte zu pflegen. Prinzipiell aber fördert Social Media die Vernetzung. Daher sehe ich soziale Medien eher als Chance denn als Gefahr.

Wo sehen Sie Zusammenhänge mit Digitalisierung, Individualisierung, Ich-Gesellschaft?

Hämmig: In einer dörflichen Gemeinschaft vor hundert Jahren waren einsame Menschen  besser integriert. In einer Dorfgemeinschaft, wo jeder jeden gekannt hat, war es weniger möglich sich abzukapseln. Menschen, die sich sozial zurückziehen, sind heute isolierter. Für eine kleine Gruppe ist dies daher eine Gefahr, für den grössten Teil aber ist es eine Chance.

Ein Leben am Rand der Gesellschaft birgt auch ein hohes Risiko der gesellschaftlichen Isolation. Wie erleben Sie diese Thematik?

Wie kann Einsamkeit gelindert werden?

Hämmig: Aus meiner Sicht ist dies die Enttabuisierung. Einsamkeit ist nicht nur ein Problem von älteren Menschen – hier ist das Tabu bereits ein wenig gebrochen. Aber auch hier schämen sich die Betroffenen oft für ihre Lage. Es muss generell anerkannt werden, dass Einsamkeit ein Problem ist, und zwar in allen Altersgruppen und ziemlich sicher auch in allen Bildungsschichten. Vermutlich ausgeprägter in den bildungsärmeren Schichten, aber es zieht sich quer durch die Gesellschaft und daher braucht es Anerkennung.
«Findet eine Enttabuisierung statt, ist es auch für Betroffene leichter Hilfe in Anspruch zu nehmen oder sich selbst überhaupt einzugestehen, dass man einsam ist und darunter leidet.»

Darüber sprechen kann der erste Schritt sein. Es braucht vermehrt Institutionen wie die Heilsarmee und andere, an die man sich mit diesem Problem wenden kann. Oft – und dies gilt auch für andere Thematiken, wie Schulden oder gesundheitliche Probleme – ist Hilfe vorhanden, wird aber nicht in Anspruch genommen, da sich Betroffene nicht getrauen mit ihrem Anliegen nach aussen zu treten. Dies ist typisch: wenn es einem schon nicht gut geht, zieht man sich vermehrt zurück. Dann geht es einem noch schlechter und man isoliert sich verstärkt. Daher glaube ich, dass ein wichtiger erster Schritt wäre, dass das Problem «Einsamkeit» anerkennt wird. Dafür muss es zu einem öffentlichen Thema werden. Es muss darüber debattiert und Betroffene gehört werden. Wie beim Beispiel Burnout: das war vor 30 Jahren noch kein Thema und heute sprechen auch viele Betroffene offen darüber. So könnte es auch mit Einsamkeit sein.

Was raten Sie einsamen Menschen?

Hämmig: Ich rate jedem einsamen Menschen über sein Problem zu sprechen. Sich nicht zu scheuen und sich weiter zurückzuziehen und Angst zu haben. Es ist so, dass sich die Menschen nicht gern mit Problemen konfrontieren – ob mit gesundheitlichen oder sozialen Problemen – und sie weichen aus. Es gibt Menschen, die Betroffene meiden, aber es gibt auch die anderen. Zu denen gehört die Heilsarmee als Institution und die Menschen, die für die Heilsarmee arbeiten. «Sich selbst eingestehen, dass man einsam ist, darüber sprechen und versuchen Unterstützung zu finden, sind die ersten wichtigen Schritte zur Linderung.»

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