In Sicherheit: Mutter und Tochter aus Odessa.

Der Kontrast zwischen der Millionenstadt Odessa und dem Ferienzentrum Waldegg oberhalb von Rickenbach (BL) könnte kaum grösser sein: Odessa ist eine imposante Hafenstadt am Schwarzen Meer im Süden der Ukraine, die viele Touristen aus aller Welt anzieht. Sie ist für ihre Strände und ihre Bauten aus dem 19. Jahrhundert bekannt, darunter das Opernhaus von Odessa. Vor dem Krieg war sie das Zuhause von acht Frauen und zwölf Kindern, davon sieben mit Autismus-Spektrum-Störungen.
Ihr neues Zuhause ist zurzeit das Ferienzentrum Waldegg der Heilsarmee. Es liegt auf 554 Meter ü. M. Die Waldegg befindet sich inmitten wunderschöner Natur. Ein Postauto vom Bahnhof Gelterkinden hält direkt vor der Türe.

Meine Ankunft in der Waldegg

Als ich am 30. März in der Waldegg ankam, empfängt mich Stefan Inniger, der Leiter der Heilsarmee-Gemeinde Liestal, im Eingangsbereich. Einen genauso herzlichen Empfang hatten er und seine Frau Astrid zwei Wochen zuvor den geflüchteten Ukrainerinnen mit ihren Kindern bereitet, wie sie mir später schildern. Ich folge ihm in das Jugendhaus mit 38 Schlafplätzen. Dort treffe ich auf Astrid, die mit den Ukrainerinnen im Gespräch ist. Die Kinder wuseln derweil im grossen Aufenthaltsraum herum. Es wird gelacht und gespielt. Für unser Gespräch schieben wir Tische zu einer grossen Tafel zusammen. Ich sitze den sieben Müttern und einer Grossmutter gegenüber. Die Mütter sind in meinem Alter, Mitte 30. Die Grossmutter ist 64 Jahre alt. Für mich ist es kaum vorstellbar, was sie erlebt haben.

Die Waldegg bietet normalerweise Erholung in der Natur für Feriengäste.

Wie sie vom Krieg erfuhren

Ihre Geschichte beginnt am 24.2.2022. Morgens um 5 Uhr wurden sie von Sirenenalarm geweckt. Zusammen mit ihren Kindern mussten sie in die Bunker fliehen. Das ging mehrere Nächte so. Doch die Kinder sträubten sich immer mehr, in die Bunker zu gehen. Gerade für Kinder mit autistischen Störungen ist ein stabiles, sicheres Umfeld entscheidend. Die Kinder können aufgrund ihrer Beeinträchtigung nicht sprechen und teilweise auch gesprochene Worte nicht verstehen. Eine Mutter erklärt mir, dass ihr Sohn im Alter von fast 9 Jahren noch nicht redet. Eine weitere, sie kommuniziere mit ihrer Tochter allein mit Blicken und Gesten. Wie soll man ihnen so einen Krieg erklären?

Warum sie sich zur Flucht entschieden

In den darauffolgenden Tagen mehrten sich die Berichte im Fernsehen von Toten und Verletzten in der Ukraine. Und jede Nacht hörten sie die Sirenen heulen. Am 3./4. März beschlossen sie, dass es so nicht weiter gehen konnte. Sie mussten weg aus Odessa. Ihre Ehemänner, die älteren Kinder, Grosseltern, Verwandte, Freunde, Haustiere und ihr gesamtes Hab und Gut mussten sie zurücklassen. Sie brachen mit leichtem Gepäck auf: Eine Tasche mit warmer Kleidung für ihre Kinder, Reisedokumenten und wichtigen Medikamenten. Die Mütter selbst hatten nur dabei, was sie auf dem Leib trugen. Auch Spielzeuge wurden nicht mitgenommen, denn autistischen Kindern bedeuten Dinge wenig. Sie leben in ihrer eigenen Welt, in ihrem Kopf und brauchen vor allem ihre Bezugspersonen, um sich sicher zu fühlen.

Was sie auf der Flucht erlebten

Die Gruppe kannte sich bereits von einer Tagesstätte, in die ihre Kinder gehen. Alle zusammen stiegen in einen Bus nach Moldawien. Es war Mitten im Winter, als sie aufbrachen. Auf einem Feld stoppte der Bus plötzlich. Bei -8 Grad mussten sie sechs Stunden zu Fuss laufen und weitere drei Stunden auf den nächsten Bus warten. Für die Kinder im Alter von 1-14 Jahren war es die Hölle. Niemand hatte einen Plan, wohin es geht. Hauptsache weg und weiter weg, bis man einen Ort zum Bleiben findet. Nach 10 Tagen in Moldawien ergab sich die Möglichkeit, in die Schweiz zu reisen. Eine Freiwillige, die mit der Heilsarmee in Kontakt stand, organisierte die Reise. Es war eine Reise von zwei Tagen in einem alten, klapprigen Bus, bis sie am 16. März in der Schweiz ankamen.

Ihre Ankunft in der Waldegg

Hier wurden sie von Stefan und Astrid mit viel Herzlichkeit empfangen. Und auch mit viel Wärme. Denn die Temperaturen in der Schweiz lagen Ende März bei fast sommerlichen 20 Grad. Also mussten die Ankommenden erst einmal passende Kleidung im Brockino in Kleinbasel holen. Ausserdem hatten sie während der gesamten Reise keine Möglichkeit gehabt, ihre Kleidung zu waschen. In der Waldegg konnten sie das nun endlich nachholen.

Astrid Inniger unterstützt die Ukrainerinnen beim Ausfüllen von Formularen.

Normalität nach dem Stress auf der Flucht. Gemeinsames Spielen.

Wie sie mit den Liebsten in Kontakt bleiben

In der Schweiz bekamen sie auch SIM-Karten für ihre Handys, um gratis nach Hause zu telefonieren. Die Ehemänner hätten mit ihnen flüchten können, weil ihre Kinder eine Beeinträchtigung haben. Doch sie blieben, um jene zu verteidigen, die nicht flüchten konnten: die Grosseltern, die Haustiere, die Häuser und Wohnungen, ihre Heimatstadt. Die Männer beschützen sie Tag und Nacht – mit der Waffe in der Hand. Die Freunde der Familien sind über ganz Europa verstreut: von Moldawien über Polen, Rumänien, Tschechien bis nach Deutschland oder sogar Spanien. Alle hoffen auf ein baldiges Ende des Krieges, und dass sie schnell wieder zurückkehren können.

«Gott hat während der langen Reise seine Hand schützend über uns gehalten.»

Wie sich ihr Alltag aktuell gestaltet

Die Waldegg bietet alles, was die Mütter und ihre Kinder brauchen: Sie können hier alle zusammen sein. Die Kinder spielen zusammen. Es wird gemeinsam gekocht und die Hausarbeit aufgeteilt. Am nächsten Tag soll es nach Basel zur Registrierung gehen. Und vielleicht liegt noch ein kleiner Einkauf von Kleidern in der Stadt drin. Socken für die Kinder scheinen vor allem Mangelware zu sein. Die Ukrainerinnen sind dankbar und glücklich, in Sicherheit zu sein. Gott habe während der langen Reise seine Hand schützend über sie gehalten. Und sie beten dafür, dass er den Krieg in der Ukraine beenden möge. Er ist ihre Hoffnung.

Welche Hoffnungen sie in sich tragen

Für die Zukunft wünschen sie sich, dass ihre Kinder trotz der traumatischen Erlebnisse gut entwickeln. Dass sie sprechen lernen und dass sie ohne Beeinträchtigungen leben können. Sie wünschen sich Frieden in ihrem Land und dass sie bald wieder ihr Leben führen können. Wenn der Krieg zu Ende ist, laden sie uns zu sich ein, um die Schönheit ihrer Heimatstadt zu erleben. Doch all die guten Wünsche haben für mich einen bitteren Beigeschmack. Denn keiner weiss, wann es wieder Frieden geben wird, und wie zerstört ihr Land dann ist.

«Wenn es ein Ferienaufenthalt wäre – es wären die schönsten Ferien in unserem Leben.»

Welche Eindrücke ich mitnehme

Nach dem Gespräch bleibe ich noch eine Weile in der Waldegg. Zwei der Mütter kochen Gemüsesuppe. Für die ganze Gruppe. Wir sind herzlich eingeladen, mit ihnen zu essen. Ein paar der Kinder ohne Beeinträchtigung kommen erst jetzt aus den Zimmern. Sie hatten noch Onlineunterricht. Stolz zeigt mir eine der Mütter das Zeugnisblatt, das die Lehrerin aus der Ukraine gerade gesendet hat. Es sind durchwegs gute Noten über alle Fächer: Ukrainisch, Englisch, Mathematik, Chemie und Informatik. Ich frage mich, wie der Schulunterricht weiterlaufen kann, wenn sich das Land im Krieg befindet. Aber die Ukraine ist ein grosses Land, das grösste in Europa, grösser als Frankreich und die Schweiz zusammen. Da ist es denkbar, dass in einigen Teilen des Landes der Krieg tobt und in anderen Teilen noch Schulunterricht möglich ist. Ausserdem gibt es den Kindern sicher etwas Halt, Stabilität und ein Stück Normalität.

Langsam verabschiede ich mich. Es war ein eindrücklicher Tag. Die Familien werden bis Ende Juni in der Waldegg bleiben. Bis dann sucht die Gemeinde Sissach nach einer Anschlusslösung. Ich hoffe sehr, dass alle einen guten Platz finden. Stabilität und Sicherheit sind wichtig für sie, gerade für die Kinder mit Autismus. Mit Stefan und Astrid werden die Frauen weiterhin in Kontakt bleiben.

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