Im Zuhause finden wir die Ruhe fürs Leben

Während ich für diesen Artikel recherchiere, beobachte ich emsige Vogeleltern, wie sie unglaublich beharrlich mit unterschiedlichstem Material in ihrem Schnabel herumfliegen, um das Nest ihres Nachwuchses in unserem Hausdach zu bauen. Ich muss schmunzeln. Ihr Vorhaben ist es, ihren Jungen ein Zuhause zu bieten, indem sie sich sicher fühlen können, zumindest für eine kurze Zeit. Wie so oft macht es uns die Tierwelt in den Grundprinzipien vor.

Laut Heimatforscherin Beate Mitzscherlich ist ein Zuhause ein Ort, an dem man ein Grundgefühl von Geborgenheit spürt. Die Verbindung von räumlicher und sozialer Sicherheit. Zumindest sind die Begriffe ‘räumliche und soziale Sicherheit’ schnell verständlich.

In meinen Augen sind dies mindestens vier Wände (im besten Fall eigene), in denen die Personen leben, zu denen ich eine sichere und emotionale Bindung habe. An einem solchen Ort können wir Ruhe finden und Kraft tanken. Aber führt räumliche und soziale Sicherheit automatisch zu Geborgenheit? Und um das Ganze noch komplexer zu machen, worin unterscheidet sich ein «Zuhause» von «Heimat» oder einem «Daheim»?

«Entwurzelte Menschen bleiben ewig Suchende. Sie haben stets das Gefühl, dass ihnen etwas fehlt.»

Geborgenheit wurzelt tief

Aus den obigen Erklärungsversuchen wird schnell klar – beim «Sich-zuhause-Fühlen» spielen Menschen und Gefühle eine grosse Rolle. Zuhause ist ein Ort, an den wir positive Erinnerungen verknüpfen. «Wenn da plötzlich keiner mehr wohnt, den ich kenne, verliert der Ort an Heimatbezogenheit», sagt Mitzscherlich. Unser Gedächtnis betreibt Spurensicherung. Wir besetzen Orte mit unseren Geschichten und Gefühlen. Das macht diese Punkte zu vertrauten Orten.

Aus der Psychologie weiss man, dass die Ersterfahrungen auf spätere Bindungen übertragen werden. Die Wurzeln für die Fähigkeit, sich zuhause fühlen zu können, werden schon früh gelegt. Kinder, die gute Bindungen und ein Zuhause vorgefunden haben, können sich später in einer anderen Lebensphase leichter ein neues und auch ein zusätzliches Zuhause schaffen. Aber was geschieht, wenn ein Kind schwache oder keine sozialen Bindungen aufbauen oder gar keine Bindung eingehen konnte? Als Scheidungskind berichtet jemand anonym in einem Psychologieforum davon, keine richtige Familie gehabt zu haben und wegen Erkrankungen wichtiger Bezugspersonen früh auf sich allein gestellt gewesen zu sein. Diese Person berichtet von einer grossen Sehnsucht, die immer da ist und nie schwächer wird. Entwurzelte Menschen bleiben ewig Suchende. Sie haben stets das Gefühl, dass ihnen etwas fehlt und sind so ständig auf der Suche nach einem Ort, der sich wie ein Zuhause anfühlt.

«Krieg zerstört ein Zuhause. Überall auf der Welt.»

Bild: © Salvation Army Eastern European Territory

Entwurzelt durch Flucht vor einem Krieg

Wenn Menschen ihr Zuhause durch Krieg verlieren, werden sie doppelt entwurzelt: Einerseits durch die Zerstörung ihres Zuhauses, andererseits weil diese Menschen flüchten und in einem fremden Land ein neues Zuhause finden müssen. «Krieg zerstört ein Zuhause. Überall auf der Welt“, sagt die Heimatforscherin. Seine Heimat in Ruinen zurücklassen zu müssen, ist eine unsagbare Belastung. Ebenso belastend ist es, im Zufluchtsland vollkommen fremde Strukturen, Gebräuche oder Speisen vorzufinden und soziale Bindungen oftmals komplett aufgeben zu müssen. «Wir brauchen das Gefühl von Identität und Kontinuität, um anknüpfen zu können an vorherige Erfahrungen.»

«Schätzungsweise 8000 Menschen sind in der Schweiz von Wohnungsverlust bedroht.»

Die Wohnung zu verlieren, ist auch in der Schweiz eine reale Gefahr

Obdachlosigkeit ist auch in der Schweiz ein Fakt. Das hat nun die erste «Studie zur Obdachlosigkeit in der Schweiz» bewiesen, die im Februar 2022 von der Hochschule für Soziale Arbeit Nordwestschweiz (FHNW) im Auftrag des Bundesamtes für Wohnungswesen (BWO) veröffentlicht wurde. Schätzungsweise 2200 Menschen sind in der Schweiz von Obdachlosigkeit betroffen und etwa 8000 sind von Wohnungsverlust bedroht. Die Kantone anerkennen zwar ihre Verantwortung für die Prävention und Bekämpfung von Obdachlosigkeit. Die konkrete Umsetzung ist allerdings unterschiedlich, auch weil Obdachlosigkeit je nach Kanton und Gemeinde verschiedenen Politikbereichen zugeordnet wird. So fallen einige Menschen durch das soziale System.

Was tut die Heilsarmee für Menschen, die ihr Zuhause verlieren

Aufgefangen werden diese Menschen unter anderem von der Heilsarmee. Seit jeher ist es die Mission der Heilsarmee, für Menschen in Not da zu sein und sie dort zu unterstützen, wo sie es benötigen. Die Wohnungsangebote der Heilsarmee sind vielfältig und breit gefächert. Wir helfen Menschen, langfristig eine Bleibe oder auch nur kurzfristig ein Zimmer zu finden. Auch im aktuellen Fall der Flüchtenden aus der Ukraine bot die Heilsarmee schnell und unkompliziert Hilfe: Wir verteilten Kleider und Essen am Bahnhof oder nahmen Kinder mit Beeinträchtigungen bei uns auf, die mit ihren Müttern aus der Ukraine geflohen waren. Nach einer langen Reise ohne Ziel sind sie in der Schweiz angekommen, verunsichert, verängstigt, die Welt nicht mehr verstehend – buchstäblich.

Wohnen ist ein Menschenrecht.

Housing First – zuerst eine Wohnung, dann ein Leben

Wie sollen Menschen, die kein Zuhause haben, die Ressourcen finden, sich wieder in einen ‘normalen’ Alltag einzufügen? Das neue Angebot der Heilsarmee Housing First unterbricht diesen Teufelskreis: Langjährige Obdachlose erhalten zuerst eine Wohnung, in der sie sich Schritt für Schritt zuhause zu fühlen. Erst mit einem Zuhause verfügen die Menschen über die nötige Kraft, sich ihren Problemen zu stellen und u.a. einer Arbeit nachzugehen oder sich einen Freundeskreis aufzubauen.

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