Gemeinsames Essen prägt unsere Kommunikation.

Die deutsche Soziologin Eva Barlösius erforscht seit etlichen Jahrzehnten die Zusammenhänge zwischen Nahrungsaufnahme und die sich daraus entwickelnden politischen, sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen wie auch psychologischen Ausdrucksformen. Sie kommt zum Schluss – Essen ist ganz klar mehr als nur Nahrungsaufnahme – Essen prägt unsere Kommunikation! Hier ein paar Erkenntnis-Häppchen von ihr und anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in gut verdaubarer Grösse.

Welche Wirkung hat Essen auf unser Verhalten?

Die Wirkung einer köstlichen und gemeinsam eingenommenen Mahlzeit ist wunderbar in der Novelle «Babettes Gastmahl» der dänischen Schriftstellerin Tania Blixen beschrieben. Hier bekocht eine französische Meisterköchin die bescheidenen und zerstrittenen Bewohnerinnen und Bewohner eines norwegischen Dorfes, die sich durch das köstliche Essen aus der sozialen Starre lösen und anfangen, friedlich miteinander zu kommunizieren. Wirkt eine gemeinsam eingenommene Mahlzeit tatsächlich so positiv auf die Interaktion der Beteiligten? Dies wollte eine Forschungsgruppe der Humboldt-Universität unter der Leitung von Prof. Dr. Werner Sommer wissen und untersuchte in ihrer Studie, welche kognitiven und emotionalen Prozesse durch gemeinsames Essen in Gang gesetzt werden.

«Bei einer gemeinsam eingenommenen Mahlzeit lässt die kognitive Kontrolle etwas nach, das heisst, man wird liberaler und nachlässiger, nimmt eigene Fehler weniger ernst», fasst Sommer die Ergebnisse zusammen. Weiter fanden die Forscher heraus, dass sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nach einer gemeinsam eingenommenen Mahlzeit zwar nicht als besser gelaunt, wohl aber als entspannter einschätzten. Hier somit schon mal die erste Erkenntnis – Essen wirkt durchaus auf psychologischer Ebene!

Warum ist Essen so ein wichtiges Thema in unserer Gesellschaft?

Der täglich wiederkehrende Zwang, sich um die Nahrung zu kümmern, ist der Anlass stetigen Arbeitens und der Ursprung allen Wirtschaftens. Leben, physisches wie gesellschaftliches, beginnt also mit dem Nahrungsbedürfnis.

Das Essen hatte für die Menschen schon immer eine dominante Funktion, die sehr viel Zeit und Kraft in Anspruch genommen hat. Gemäss Barlösius ist es daher kein Wunder, dass die wesentlichen kulturellen, sozialen und politischen Grundformen im engen Zusammenhang mit der Nahrung entstanden sind. Zum Beispiel, welches Geschlecht kümmert sich um die Beschaffung welcher Nahrung oder welches Geschlecht hat die Aufgabe, die Nahrung zuzubereiten. So kann man die Geschichte der Geschlechterverhältnisse auch daran rekonstruieren, wie die Menschen jeweils mit der Nahrung umgegangen sind.

Warum essen Menschen gemeinsam?

Mit der Beantwortung dieser Frage hat uns Eva Barlösius stark überrascht. Dass Menschen gemeinsam essen, ist keineswegs so selbstverständlich, wie man meinen könnte. Hier zitiert sie den Philosophen Simmel «was ich denke, kann ich andere wissen lassen; was ich sehe, kann ich sie sehen lassen; was ich rede, können Hunderte hören, – aber was der Einzelne isst, kann unter keinen Umständen ein anderer essen.» Die Nahrungsaufnahme trennt die Menschen also eher voneinander, als dass diese sie miteinander verbindet.
Anstatt sich zum gemeinsamen Essen zu versammeln und die Nahrung miteinander zu teilen, wäre es in der Geschichte der Menschheit angesichts von Nahrungsmangel, Not und Hunger möglicherweise sogar angebracht gewesen, sich zur Befriedigung dieses Nahrungsbedürfnisses zurückzuziehen.

Welche Gründe gab und gibt es trotzdem Essen als soziale Situation zu gestalten?

Vereinfacht ist die Antwort Folgende: der Grund gemeinsam zu speisen, war die Notwendigkeit, gemeinsam zu wirtschaften, um die Nahrungsversorgung sicherzustellen. Das heisst, anfänglich war die gemeinsame Tafel mehr eine Wirtschaftsgemeinschaft als eine soziale Institution. Mit der Zeit wird die gemeinsame Tafel funktional beinahe überflüssig und stattdessen fast ausschliesslich zu einer sozialen Institution.

Obwohl der ursprüngliche Grund der Tischgemeinschaft wegfällt, lebt diese Gemeinschaftsform weiter. Sie wird zu einer sozialen Institution, die je nach Kontext mit ganz unterschiedlichem sozialen Sinn verknüpft ist. Der Mensch ist zum Glück ein soziales Wesen.

Was kann gemeinsames Essen alles? Was ist die Sprache des Essens?

Eva Barlösius hat über das Thema Essen schon sehr vieles herausgefunden. Das von ihr verfasste Buch «Die Soziologie des Essens» ist das Standardwerk für alle, die tiefer in die gesellschaftliche Dimension des gemeinsamen Mahls eintauchen wollen. In einem Interview zum Thema «Warum sind Mahlzeiten wichtig», schliesst Barlösius mit folgenden Sätzen ab: «Die Mahlzeit soll nicht dafür eingesetzt werden, Unterschiede zu machen, abzugrenzen oder jemand auszugrenzen, sondern gemeinsames Essen kann vergemeinschaften, kann Menschen verbinden, kann Menschen ins Gespräch bringen, kann Menschen anerkennen. Die Sprache des Essens kann so vieles … Dies soll unbedingt mehr genutzt werden.»

«Die Sprache des Essens kann so vieles ... Dies soll unbedingt mehr genutzt werden.»

Gemeinsames Essen gegen Einsamkeit

Dass gemeinsames Essen vieles kann und sehr wichtig ist, hat William Booth, Gründer der Heilsarmee, bereits anno 1865 verstanden. Essen an der grossen langen Tafel ist daher eines der wichtigsten Angebote der Heilsarmee. Sehr beliebt ist unter anderen der Mittagstisch, der von diversen Heilsarmee-Standorten angeboten wird. Die «Mahlzeiten der Solidarität» der Heilsarmee-Gemeinde in Vevey ist ein Angebot zum gemeinsamen Essen, speziell am Samstag. Denn gerade an den Wochenenden fühlen sich Menschen in Not öfters einsam und sind dankbar für ein wenig Gesellschaft und Austausch mit anderen.

Quellen
Buch: Soziologie des Essens, Eva Barlösius, 2016, Juventa Verlag
Youtube: Interview Experten kommen zu Wort bei Lisa Adrian – Zu Gast: Prof. Dr. Eva Barlösius, Soziologin

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